Posts Tagged 'Kopfprämie'

Kindesentführer

Weitere wundervolle Beispiele objektiver Berichterstattung in der Zeitung vom 08. August 1961, und in Vorbereitung auf den 50. Jahrestag der Errichtung des Antifaschistischen Schutzwalls, wie sie in sprachlicher Schönheit und Eleganz Fakten und Meinung vermischen und Ekel und Abscheu in das Herz jedes Lesers einpflanzen, der sich dann schnell noch einmal vergewissert ob das Klopfen an der Tür bedeutet, er bekommt Besuch eines Vertreters der Organisation gewissenloser Menschenhändler, und ob das Kind richtig festgebunden ist, nachher taucht es, entführt  von der arbeitsscheuen Oma, im Westen auf, und man sieht es nie wieder.

Kopfjäger in Riesa abgeblitzt. Junge Stahlwerker verzichten auf Reisen nach Westdeutschland. Riesa (ADN/ND). Bei seinen früheren Arbeitskollegen im technischen Büro des Stahlwerkes Riesa ist der kürzlich den Bonner Menschenhändlern in die Hände gefallene Ingenieur Zimmermann gehörig abgeblitzt. In einem von Beleidigungen strotzenden Brief versuchte der Verräter Zimmermann besondes die Ingenieure Köhler und Ekhard den Menschenhändlern zuzutreiben, um dann die ausgesetzten Kopfprämien zu kassieren. Die Gewerkschaftsgruppe des technischen Büros distanzierte sich von Zimmermann und erteilte ihm die richtige Antwort. Ekard und Köhler ließen ihn wissen, daß er Verrat begangen hat und daß ihm in der  kapitalistische Gesellschaft, zu der er sich jetzt bekennt, niemals möglich gewesen wäre, Ingenieur zu werden. Sie teilten Zimmermann mit, daß der Brief seinen Zweck nicht erreichen wird; im Gegenteil, die beiden Ingenieure werden die Arbeit des Betriebskomitees zum Kampf gegen Menschenhandel nach besten Kräften unterstützen. Viele Jugendliche des Stahlwerkes entschlossen sich, beabsichtigte Reisen nach Westdeutschland nicht zu unternehmen.

Eltern klagen die Kindesräuber in der Frontstadt Westberlin an: Geben Sie unsere Kinder zurück!  … Am Donnerstag wurde der Familie des Genossenschaftsbauern Heintz aus der LPG Quadenschönfeld im Auftrage der in Westberlin stationierten Organisation gewissenloser Menschenhändler das jüngste Kind, die drei Monate alte Sylvia geraubt. Die Kindsräuberin ist eine gewisse Ruth Görgens aus Gladbach in Westfalen, die unter dem scheinheiligen Vorwand eines Familienbesuches bei dem Ehepaar Heintz auftauchte. Die Mutter hat Strafantrag wegen Kindesraub gestellt und in einem Telegramm kategorisch die Rückgabe des Kindes gefordert.

Vor fast drei Wochen wurde der Familie des Angehörigen der Nationalen Volksarmee Blume aus Dissen bei Cottbus im Auftrage der in Westberlin stationierten Organisation gewissenloser Menschenhändler das dreijährige Kind Peter geraubt. Die Kindesräuberin ist die arbeitsscheue Anna Kawa, die Großmutter des Jungen. Die Menschenhändler haben dieses kriminelle Weibsstück gedungen, um die verzweifelten Eltern zur Fahrt nach Westberlin zu bewegen. …

Leser zu Maßnahmen des Magistrats. Die Zeit war überreif. Aus vollem Herzen begrüße ich als Vater von vier Kindern die vom Magistrat am 4. August beschlossenen Maßnahmen gegen die Grenzgänger. Lange genug haben wir mit diesen Menschen über ihre unmoralische Haltung diskutiert. Die Zeit war überreif, um zur Tat zu schreiten. Jetzt müssen wir die Tatsachen mit großer Aktivität durchsetzen, damit sich keiner mehr auf Kosten der Allgemeinheit bereichern kann.  Herbert Meißler, Berlin – Pankow.

Wie jeder vernünftige Mensch in der DDR begrüße ich  die durch unseren Magistrat beschlossenen Maßnahmen gegen die  Grenzgänger. Menschen, die wissend schmarotzen, muß man auch als Schmarotzer behandeln, sie so anfassen, wie sie es verdienen. Sie haben unsere Langmut sowieso seit Jahren nur als Schwäche ausgelegt. Laßt doch die Westberliner Gazetten und den Rias plärren und zetern, das tut uns doch nicht weh, sondern bestätigt nur, daß unsere Maßnahmen sie ins Auge treffen. Gisela Narr, Berlin – Weißensee.

Wir Kolleginnen im Waschstützpunkt des Dienstleistungskombinats Prenzlauer Berg, Gleimstraße 21, begrüßen die Maßnahmen des Magistrats gegen die Grenzgänger. Die Kundinnen, die bei uns waschen, gaben ebenfalls ihre Zustimmung. Wir hoffen, daß die Grenzgänger jetzt einsehen, daß sie bei uns ihren Lebensunterhalt ehrlich verdienen können. Sie sollen endlich begreifen, daß sie mit ihrer Arbeit das Lager des Krieges unterstützen. Ehrliche und saubere Menschen müssen wissen, wohin sie gehören.  Inge Weituschat, Inge Schulze, Hanni Pretolat, Hedwig Moritz, DLK Prenzlauer Berg, Gleimstraße 21

Zuchthaus für Abwerber Killat. Zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus wegen Verleitens zum Verlassen der DDR hat der Strafsenat 1 c des Stadtgerichts Berlin am Montagnachmittag den 24 jährigen Abwerber in Sachen Aufrüstung, Bruno Killat, verurteilt. Die Untersuchungshaft wird angerechnet. Killat hatte im Interesse des Braunschweiger Schmalbach – Konzerns versucht, den Expidenten Trapp vom Volkseigenen Betrieb Feinblechverpackungen Lichtenberg in dem Moment abzuwerben, als der Konzernzweigbetrieb in Westberlin, Gebrüder Koppe, in dem Killat als Produktionsleiter arbeitete, einen Rüstungsauftrag für die Bonner Bundeswehr erhielt.

Menschenhandel auch mit Ausländern.  Düsseldorf (ND). über die Methoden der westzonalen Kopfjäger … berichtet die  „Neue – Ruhr – Zeitung“ … „Vor allem mit spanischen und griechischen Arbeitern ist ein reger Menschenhandel aufgeblüht. Vieles geht bei diesem Treck der Arbeitsuchenden nach Deutschland durcheinander. … Bevorzugte Masche der schlepper: Sie tarnen die Ausländer als Touristen und pauken ihnen Sätze ein wie: Ich bin bei einem Freund in Belgien und möchte mir gern das Rheinland ansehen. Die Ausländerämter reagieren recht unterschiedlich auf den Menschenhandel. In Nordrhein – Westphalen sind die Behörden recht großzügig. „Die Firmen liegen uns täglich in den Ohren“, klagen die Ausländerämter. „Sie brauchen dringend Arbeitskräfte, und da machen wir eben Ausnahmen.“  *Neues Deutschland 8. August 1961*

Bild: Erich Heintz und Frau Elisabeth aus Quadenschönfeld, Kreis Neustrelitz, klagen die Kopfjäger an: Gebt uns endlich unsere kleine Sylvia zurück! Hier das Ehepaar Heintz mit seinen beiden ältesten Kindern.


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