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Zu Fragen der Rüstungskontrolle

Reichkanzler Dr. von Bethmann – Hollweg: In der Frage der Abrüstung ist bisher noch niemals ein auch nur einigermaßen detaillierter Vorschlag aufgetaucht, der sich ernsthaft diskutieren ließe. Die Zeit der Kabinettskriege ist vorüber. Stimmungen, aus denen heute Kriege entstehen würden, wurzeln in dem Gegensatze, der vom Volksempfinden getragen wird, und dieses Empfinden läßt sich leider leicht beeinflussen, insbesondere auch durch Treibereien in der Presse. Ist es möglich, dagegen ein diplomatisches Gegengewicht zu schaffen, so ist das außerordentlich erwünscht, aber für ein praktisches Vorgehen reicht dieser Gedanke nicht aus. Deutschland hat in vierzigjähriger Friedenszeit bewiesen, daß es keine Händel sucht. Sollte der Abrüstungsgedanke greifbare Gestalt erhalten, so bedarf es eines fest umrissenen Programms, und wer solche Vorschläge macht, der läuft Gefahr, selbst zum Störenfried zu werden.

Einem internationalen Abkommen über die Abrüstung müßte die Aufstellung einer Art Rangordnung der verschiedenen Mächte vorangehen. Ich müßte es unbedingt ablehnen, dabei mitzuwirken. England ist überzeugt, daß es eine Flotte brauche, die jeder Kombination gewachsen ist. Das ist sein gutes Recht. Aber etwas ganz anderes wäre es, wenn man einen solchen Anspruch zur Grundlage eines internationalen Abkommens machen sollte. Stellen Sie sich vor, daß man auf einem solchen Kongreß Deutschland zumuten sollte, seine Armee um 100 000 Mann zu verringern, und daß demzufolge ausgerechnet werden müßte, um wieviel alle anderen Nationen ihre Armeen verringern müßten. Jede Nation beansprucht die Stellung in der Welt, die der Gesamtheit ihrer nationalen Streitkräfte entspricht. Ich würde für Deutschland keine andere Antwort geben können und auch an keine andere Nation das Ersuchen stellen, eine andere zu geben.

Angenommen jedoch, es ließe sich auf einem internationalen Kongreß eine Art Rangordnung aufstellen; dann müßten immer noch die Stärken der Armeen damit in Einklang gebracht werden und dazu fehlt jeder Maßstab. Jeder Versuch einer internationalen Abrüstung müßte an der Frage der Kontrolle scheitern, die absolut undurchführbar ist. Ein klassisches Beispiel bildet das von Napoleon niedergeworfene Preußen, dessen Armee auf 43 000 Mann beschränkt werden sollte und dessen Patriotismus trotz der schonungslosesten Anwendung aller Kontrollmittel ermöglichte, eine Armee von vierfacher Größe aufzustellen. Die Frage der Abrüstung ist unlösbar so lange die Menschen Menschen und die Staaten Staaten sind.

Zur Friedfertigkeit gehört die Stärke. Eine Nation, die die Mittel zur Erhaltung ihrer politischen Stärke nicht mehr aufzubringen vermag, tritt in die zweite Reihe. Wir Deutschen sind besonders darauf angewiesen, dieser rauhen Wirklichkeit ins Auge zu sehen, und nur dann werden wir den Frieden und unsere Existenz erhalten. (Lebhafter Beifall in der Mitte und bei den Nationalliberalen Widerspruch links und bei den Sozialdemokraten.) *Freiburger Zeitung 31.03.1911*

Der  nationalistische Daily Express führt aus: „Diejenigen, welche hofften, daß die seinerzeitigen Erklärungen unseres Ministers für auswärtige Angelegenheiten, Sir Edward Greys, einen hervorragenden Eindruck in Deutschland machen würden, sind enttäuscht. Der Deutsche Reichstag weigert sich, die Begrenzung der Waffenrüstung als realisierbar anzusehen und das pangermanische Parlament beharrt darauf, die Idee des Schiedsgerichts als eine Illusion zu betrachten. Mit dieser Tatsache müssen wir uns abfinden, und es ist dem nichts hinzuzufügen. Aber wir müssen es versuchen, uns klar zu werden, daß die Anstrengungen, die in Deutschland gemacht werden, uns unsere Vorherrschaft zur See zu entreissen beantwortet werden müssen mit Kanone für Kanone, Schiff für Schiff, Million für Million.“  *Freiburger Zeitung 01.04.1911*


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