Posts Tagged 'Sozialdemokraten'

Vor 100 Jahren

Damenmode 1913 Schleier

Schreibt die *Coburger Zeitung vom Samstag, dem 05. Juli 1913* Vom Balkan. Die Bulgaren hüllen sich über die kriegerischen Vorgänge in vollkommenes Schweigen. Man hat von ihnen weder etwas über ihren angeblichen Vorstoß noch über ihr jetziges Zurückweichen erfahren. Um so lauter gebärden sich die Serben. Ihre Siegesmeldungen – denn nur solche kommen zum Vorschein – sind aber unkontrollierbar. So melden sie heute: Der rechte bulgarische Flügel bei Istip ist zurückgedrängt. Die bulgarische siebente Division ist vollkommen geschlagen und geht in fluchtartigem Rückzug zurück. Die bulgarische Armeegruppe ist in zwei Teilen zersprengt. Der Kommandeur des 13. bulgarischen Regiments ist mit 300 Mann gefangen genommen worden. Bei Kotschana dauert die Schlacht noch fort. Heute kamen 1200 Verwundete in Belgrad an. …

Auch ein Jubiläum. Es dürfte nur wenig bekannt sein, daß in diesem Jahre ein Beruf sein 200jähriges Jubiläum begehen kann, der in stiller, aber aufreibender Tätigkeit seiner Amtspflicht gerecht wird; es ist der Briefträger! Ein derartiges Ereignis darf wohl nicht stillschweigend übergangen werden. …

Leipzig, 3. Juli. Jahrhundertfeier. In der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten wurden für die Jahrhundertfeier der Völkerschlacht für die Straßenausschmückung 160000 M bewilligt, wobei es zu stürmischen Lärmszenen kam. Die Redner der Sozialdemokraten, die lebhaften Einspruch erhoben, wurden mehrfach zur Ordnung gerufen.

Bremen, 3. Juli. Furchtbare Schreckensauftritte ereigneten sich am Donnerstag morgen vor Beginn des Unterrichts in der Marienschule zu Bremen, wo kürzlich der Lehramtskandidat Schmidt ein Blutbad unter den Schülerinnen angerichtet hatte. Das heftige Zuschlagen einer Tür verursachte einen scharfen schußähnlichen Knall. Das war das Zeichen zu einer großen Panik unter den Schulkindern. Sie stürzten vom dritten Stock schreiend die Treppen hinunter und die Schülerinnen aus den anderen KLassen schlossen sich an. Die Lehrer hatten völlig die Gewalt über die Kinder verloren. Viele kamen zu Fall und erlitten Verletzungen, die zum Glück nur leichter Natur sind. …

London, 3. Juli. Die höchste wegen Bruchs des Eheversprechens jemals gezahlte Entschädigung erhielt gestern Daisy Markham. Diese hatte den jungen Marquise von Northampton verklagt, weil er auf Wunsch seines kürzlich verstorbenen Vaters von dem Verlöbnis mit ihr zurückgetreten war. Lord Northampton erklärte sich bereit, Fräulein Markham ein Schmerzensgeld von 50000 Pfund (1 Millionen Mark) zu zahlen und außerdem die Gerichtskosten zu übernehmen. Daraufhin wurde die Klage zrückgezogen.

Neuyork, 3. Juli. Die Hitze dauert immer noch an. Eine ganz feuchte und schwüle Treibhausluft hüllt das mittlere Amerika ein. Nicht der geringste Windzug ist zu bemerken. Da diese Hitze schon seit mehreren Tagen herrscht, hat sich der Bewohner eine äußerst gedrückte Stimmung bemächtigt. Die Blätter führen die zahlreichen Selbstmorde in diesen Tagen auf die riesige Hitze zurück. Gestern Mittag betrug die hitze 38,8 Grad Celsius. Gestern sind hier fünf tödliche Hitzschläge bekannt geworden; die Zahl der Hitzschläge, die nicht tödlich verlaufen, ist unzählbar. Alle Krankenhäuser sind überfüllt; die Privatautos werden als Ambulanzwagen herangezogen. Damen der Gesellschaft sind in den Krankenhäusern tätig, um den Erkrankten Kühlung zu verschaffen. … In Philadelphia speist man in den vornehmsten Hotels in Hemdsärmeln, was dort noch nie vorgekommen sein soll.

Bild: Wegen der grassierenden Luftverschmutzung, die beim Verbrennen nachwachsender Rohstoffe nun einmal auftritt, trägt die modebewußte Damenwelt Mundschutz. Die Herren, die sowieso Rauchen, sehen dem frühen Krebstod gelassen entgegen.

 

Plündern in Hamburg

Die Ausschreitungen in Hamburg

Welchen Umfang die sozialdemokratischen Wahlrechtsdemonstrationen in Hamburg gehabt haben und zu welch`wüsten Ausschreitungen es dabei gekommen, ist erst jetzt aus den Berichten der Hamburger Blätter ersichtlich. Die Hamburger Nachrichten berichten darüber folgendes:

Hervorzuheben ist das durchaus maßvolle Vorgehen der Polizeiorgane. So ließ zum Beispiel Hauptmann Niemann in der Bergstraße, obwohl die Schutzmannschaft von dem sozialdemokratischen Pöbel schon mehrfach tätlich angegriffen und u. a. ein berittener Wachtmeister durch einen Flaschenwurf am Beine ernstlich verletzt worden war, die Mannschaften noch in abwartender Stellung verharren. Erst als das Vorgehen der Menge für die Beamten lebensgefährlich wurde und sich die tätlichen Angriffe mehrten, ließ sich diese Zurückhaltung nicht mehr durchführen. Um 7 1/2 Uhr sah sich daher Polizeihauptmann Major Gestefeld gezwungen, die gesamte berittene Schutzmannschaft , die in der Rabolsenwache konsigniert war, zum Rathausmarkt ausrücken zu lassen. Jetzt wurde der Rathausmarkt, zugleich mit der Einstellung des elektrischen Bahnbetriebes, vollständig von Menschen gesäubert. Dasselbe geschah mit der Rathausstraße und den angrenzenden Straßen. Ein großer Teil der Revoltierenden zog sich daraufhin durch die Schmiede und Schulstraße, sowie den Kattrepel nach dem Fischmarkt und der Niedernstraße hin.

Schon in der Schmiedestraße nahm der Krawall einen sehr ernsten Charakter an; aus einem Neubau holte sich der Pöbel Steine, Latten und sonstige Gegenstände und gebrauchte diese als Waffen gegen die Schutzmannschaft, die von nun an nur mit blanker Waffe vorgehen mußte. Dessenungeachtet kam es leider mehrfach zu schweren Verletzungen der Beamten.

Ein Aufruhr entwickelte sich auf dem Fischmarkte. Hier hatte sich ein aus allen möglichen sozialdemokratischen Elementen zusammengewürfeltes Gesindel, das nach Tausenden zählte, zusammengerottet und sich mit allerlei Gegenständen, wie großen Steinen, Ascheeimern, Flaschen, eisernen Töpfen, ausgerissenen Baumpfählen ec. bewaffnet. Mit Hurra, Gejohl und Gepfeife stürmte der Pöbel gegen die Schutzmannschaft an und überschüttete sie mit einem Hagel von Geschossen, durch die zahlreiche Beamte zum Teil schwer verletzt wurden. Ein Schutzmann, der durch einen großen Stein am Kopf bedenklich getroffen wurde, mußte bewußtlos vom Platz getragen werden. Das aber war das Signal zu einem energischeren Vorgehen der arg gefährdeten Beamten, die nun ohne Rücksicht eine Reihe von Attacken reiten mußten. Selbstverständlich ging es hier nicht ohne Verletzungen der vordringenden Menge ab.

Im Laufe der Straßenkämpfe hatten die berittenen Schutzleute oft einen sehr schlimmen Stand, denn bei jedem Vorgehen sauste ihnen ein wahrer Hagel von Steinen und Latten entgegen, der die Pferde zum Scheuen brachte und sie Aufbäumen ließ, so daß es schwer hielt, sie vorwärts zu bringen. Viele der Pferde trugen gleichfalls Verletzungen davon.

Während einer kurzen Pause nach 10 Uhr, in der sich die Schutzleute wieder sammelten, um wieder geschlossen vorgehen zu können, errichteten die Aufrührer am Sopenstehl Barrikaden aus Bänken der nahen Anlagen, Ascheeimern, Latten, Balken, Firmenschildern ec. und benutzten diese als Deckung, besonders gegen die berittene Schutzmannschaft. Letztere mußten nun gemeinsam mit den Schutzleuten zu Fuß vorgehen. Eine in der Brandstwiete  errichtete Barrikade wurde von dem Pöbel in Brand gesteckt, so daß die Flammen bald haushoch emporloderten und die Feuerwehr um Hilfe herbeieilen mußte.

Der Krawall tobte indes im Sopenstehl weiter; dort hatten die Aufrührer mittlerweile sämtliche Gaslaternen zertrümmert und ausgelöscht, und die Revolte erreichte ihren Höhepunkt. Alle Spiegelscheiben ohne Ausnahme wurden in dieser Straße vom Pöbel zertrümmert und in der herrschenden Dunkelheit die Läden gänzlich demoliert und geplündert. Aus Juwelier- und Uhrenläden, Pelz-, Kolonialwarenläden, Porzellan- und anderen Geschäften stahl die Rotte alles, dessen sie habhaft werden konnte und suchte mit ihrem Raube das Weite. Der Verlust einiger Geschäftsleute ist ganz enorm, besonders der Inhaber der Gold- und Silberläden. Die wütende Menge vergriff sich dann auch an den Geschäftseinrichtungen, riß Ausbauer und Mobiliar aus den Läden und errichtete damit neue Barrikaden. Den gegen dieses Bollwerk anrückenden Schutzleuten blitzten etwa ein Dutzend Revolverschüsse entgegen. Unter größter Gefahr gelang es der Schutzmannschaft dann endlich, die Aufrührer zu vertreiben und die Barrikaden zu beseitigen. Aber noch stundenlang, bis lang nach Mitternacht, tobte der Tumult in den Straßen, darunter auch am Pferdemarkt und in der Steinstraße, weiter und beschäftigte andauernd die Schutzmannschaft. Die geängstigten Inhaber der ausgeplünderten Geschäfte wurden schließlich dadurch beruhigt, daß ein starkes Aufgebot von Schutzleuten die Straßen besetzt hielt.

Nicht unerwähnt möge schließlich sein, daß der Janhagel selbst einige Straßenbahnwagen nicht schonte, sondern mit Steinen die Scheiben zertrümmerte. Der von einem Stein am Hinterkopf schwer getroffene Schutzmann Gätiens ist leider bald darauf verstorben, der in seinem Dienst vom Tode ereilte Beamte war verheiratet.

So weit die Coburger Zeitung vom 20. Januar 1906 und ist es nicht auffällig, wie wenig Empathie der Zeitungsschreiber mit dem sozialdemokratischen Pöbel aufzubringen vermag?

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