In Zeiten tiefster Verzweifelung

Graf York von Wartenburg

Im Jahr 1806 wurden die preußischen Armeen von den französischen Invasoren unter Napoleon I. bei Jena und Auerstedt geschlagen. Gebhard Leberecht von Blücher versammelte Teile des preußischen Heeres, Versprengte und nicht am Kampf beteiligte Truppen, um sie dem preußischen König zur Verteidigung des Vaterlandes zu erhalten. Den Feind dicht auf den Fersen, zog sich seine Streitmacht nach Norden zurück. In der Nähe von Altenzaun kam es am 26.10.1806 zum Gefecht. So der Blogwart. Nachfolgendes entstammt aus „Das Leben des Feldmarschalls Grafen York von Wartenburg“ von Joh. Gust. Droysen, Erster Band, Mit dem Bildnisse Yorks. Berlin, 1851. Verlag von Veit u. Comp. Bereitgestellt von Google Books. Rechtschreibung und Ausdrucksweise wurden weitgehend übernommen Für Fehler entschuldigt sich der Blogwart.

„York war mit der Deckung des Rückzuges beauftragt; die Nacht durch campierte er mit der gesammten Nachhut in der Nähe von Stendal; Kaiserlingk war vorausgesandt nach Altenzaun. Nach zwei Uhr morgens brach er selbst auf.

Altenzaun ist ein Dorf etwa ¾ Meile oberhalb der Fährstelle von Sandau. Es liegt auf der Senkung des hügeligen Geländes, das rechts die Uferwiesen der Elbe hat und wenige hundert Schritte nordwärts von dem Dorfe sich gegen eine weite, mit Alleen, Gräben und Gebüschen durchschnittene Ebene absetzt. Am nördlichen Rande dieser Höhen fließt ein Graben, der Geestgraben, aus einem Teich, dem Münzsee, westwärts hinab, bei der Polkritzer Kirche vorbei, bei der jenes Hügelland in Waldstrecken übergeht. Diese Ebene wird von den Uferwiesen der Elbe durch den Elbdamm getrennt, der bei Altenzaun an die Höhe ansetzend, an dem Dorfe Osterholz und weiter dem Dorfe Rosenholz hart vorüberzieht. Die Landstraße gen Sandau führt von Altenzaun nordwestlich über das hügelige Gelände zu dem Geestgraben hinab und dann tausend Schritt weiter über einen zweiten Graben (Straßengraben) bei Zackenkrug über die Ebene gen Rosenhof.

So das Terrain, in dem York den Feind zu erwarten beschloß; es war wie gemacht für seine Waffe. Der Wald bei der Polkritzer Kirche deckte seinen rechten Flügel; zwei Compagnien Jäger, dort aufgestellt, besetzten mit ihren Tirailleurs das Gehöft und den Kirchhof; diesen Tirailleurs schlossen sich links hinter dem Geestgraben die Schützen der drei Füsilierbataillone an bis zum Münzsee; eine dritte Jägerkompanie dort deckte mit ihren Tirailleurs die buschige Ebene zwischen dem See und Osterholz; eine vierte besetzte das Dorf; schob ihre Tirailleurs an dessen Rand und über den Elbdamm links hinaus. Als Mittelpunkt für diese vorgeschobene Linie wurde der Zackenkrug genommen, hinter demselben, am weitesten zurück ein Füsilierbataillon, vor demselben, an beiden Seiten der Brücke dort, zwei Jägercompagnien, noch weiter vor auf dem halben Wege zur Geestbrücke, die zwei anderen Füsilierbataillons aufgestellt.

Der Feind konnte entweder auf der Landstraße oder auf dem Damm entlang gegen Osterholz durchzubrechen suchen; die beiden Jägercompagnien am Straßengraben standen beiden Punkten nahe genug (etwa 1000 Schritt), um schnell herangeholt werden zu können.

„Wenn man“, sagt Valentini bei der Darstellung dieses Gefechts, „diese Aufstellung beobachtet, so möchte man sie als die Norm ansehen, nach welcher sich später unsere vorschriftsmäßige Gefechtsstellung gebildet hat; diejenigen, die Yorks Jägermanöver bei seinen Friedensübungen nicht kannten, hätten glauben können, er habe erst an diesem Tage und in diesem Terrain diese Aufstellung extemporirt.“

Der Feind zögerte unerwartet lange. Erst vier Uhr Nachmittags erschien Cavallerie, durchstreifte das Terrain von Altenzaun bis zur Polkritzer Kirche hin, wo das plötzliche Feuer der Jäger sie zu eiliger Umkehr zwang. Eine Stunde später rückten Infanteriecolonnen vor und zwar auf dem Elbdamm, sich gegen Osterholz richtend, während eine dichte Tirailleurkette gegen die Jäger zwischen dem Dorf und dem Münzsee geworfen, ein heftiger Anlauf gegen das Dorf selbst versucht wurde.

Während sich hier ein lebhaftes Feuergefecht entspann, – die Absicht des Feindes war nun ersichtlich – eilte York, seine beiden Reservecompagnien von dem Straßengraben heranzuholen, um die Feuerlinie zu verstärken; zugleich ward eine Compagnie von der Kirche her in das Centrum geholt, um in die linke Flanke des Feindes zu feuern, zugleich eine Krümmung des Elbdamms benutzt, um von Osterholz aus Tirailleurs in ihre rechte Flanke zu bringen. Alle diese Bewegungen wurden mit größter Raschheit und Sicherheit ausgeführt. Sie brachten den Feind in peinliche Lage; seine Tirailleurs versuchten sich zu behaupten, aber während sie dem trefflich gedeckten Gegner wenig Schaden tathen, verloren sie, von drei Seiten ins Feuer genommen von 400 Büchsen die in einem Raume von 600 Schritt um sie herumstanden, überaus viel Mannschaft.

Hatten die Franzosen, durch ihre unglaublichen Erfolge der letzten Tage übermüthig, gemeint, auch hier nur eines stürmischen Anlaufes zu bedürfen, um die entmuthigten Preußen über den Haufen zu rennen, so kamen sie schon nicht mehr mit dem einfachen Zurückgehen davon. York hatte seine zwei Geschütze heranholen lassen; in dem Augenblick, wo diese von der Geestbrücke und vom Elbdamm aus in die dichten Colonnen der Feinde zu feuern begannen, ging er seinerseits zum Angriff über. Ein abgesessenes Dragonerregiment ward überrascht und ergriff in vollkommenster Verwirrung die Flucht; die auf dem Elbdamm vorgerückten Bataillone wurden nach Altenzaun zurückgetrieben; York schob seine Vorposten bis auf einige hundert Schritt vom Dorf vor. Er selbst und seine Leute waren in der Stimmung, daß sie es mit einem doppelt so starken Gegner hätten aufnehmen können. …

Aber vorerst hatte York noch den zweiten und schwierigeren Theil der Aufgabe vor sich. Der Uebergang des übrigen Corps war bewerkstelligt. Wie nun nachkommen? Wie in so großer Nähe des überlegenen Feindes abziehen? York nahm seine Zuflucht zu der alten verbrauchten List mit den Wachfeuern und wandte sie mit so viel Kühnheit und Geschick an, daß sie vollkommen gelang.

Das Gefecht hatte bis zur Dunkelheit gewährt. Beim Anzünden der Wachfeuer begann der Abmarsch; der Feuer wurden immer mehr, der Truppen immer weniger; Her – und Hingehende mußten dem Feind anschaulich machen, wie belebt das Bivouac sei. Endlich um Mitternacht zog auch die Leibcompagnie ab, erreichte glücklich die Fährstelle, stieg in die Böte, fuhr ab. Da ward vom Ufer nachgerufen: „Jäger, kommt noch einmal zurück; laßt uns doch nicht im Stich, wir fallen sonst den Franzosen in die Hände.“ Sie kehrten um – die schlauen Jäger hatten sich doch überlisten lassen; anlegend wurden sie mit einer Salve begrüßt, die freilich Niemanden traf; aber sie hatten nicht daran gedacht, daß es auch Deutsche bei den Franzosen gab.“

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